Station 1

Zwei Sprechblasen

Du hast nun bereits einiges über die Familie Bernheimer erfahren und wie sie die Zeit als JüdInnen während des Nationalsozialismus erlebt haben. Um nun ein genaueres Bild dieser Zeit zu erhalten, erfährst du in dieser Station etwas über die Arisierung und die damit verbundenen Folgen für die jüdische Bevölkerung in Deutschland. 

Plakat "Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!"

Persönlicher Bericht der jüdischen Schneiderin Sarah Rosenberg zum Thema Arisierung, Boykott und ihren Erfahrungen damit

Zeichnung einer Dedektivin, welche an einem Schreibtisch lehnt.

Forschungsauftrag I

  1.  Schaue dir das Video aufmerksam an.
  2. Nenne und begründe die Gefühle, die Sarah Rosenberg in Bezug auf ihre Zeit ausdrückt.
  3. Notiere deine Antworten digital und lade sie in die Cloud. 
Ein gezeichneter Bleistift

Die jüdische Schneiderin Sarah Rosenberg berichtet von ihren Erfahrungen mit den Nationalsozialisten im Zuge der Arisierung und den Geschäftsboykotten gegenüber der jüdischen Bevölkerung.

Das Schicksal der Sarah Rosenberg teilten die Mehrheit der jüdischen GeschäftsbesitzerInnen. 

Zeichnung einer Dedektivin, welche an einem Schreibtisch lehnt.

Forschungsauftrag II

Lies dir die folgenden Informationstexte durch. 

Sprechblase mit einem i in der Mitte.

Der historische Hintergrund der Arisierung und der Diskriminierung von JüdInnen während des Nationalsozialismus.

Zeichnung von zwei Jugendliche, welche sich an einem Fragezeichen anlehnen

Der NS-Begriff „Arisierung“ bezeichnet den Vorgang der Enteignung des Besitzes von JüdInnen, also deren Unternehmen, Geschäfte, Haus- und Grundeigentum sowie Aktien, Barvermögen und die Übereignung an nicht-jüdische, im nationalsozialistischen Sprachgebrauch „arische“ Privatleute, Firmen oder an den Staat.  

Die Formen der Arisierung waren unterschiedlich. Zu ihnen gehörten die Beschlagnahmung von jüdischem Besitz, Nötigung, Zwangsverkauf und freiwilliger Verkauf unter dem Wert.

Die Maßnahmen der Arisierung gingen so weit, dass die JüdInnen aus Deutschland wirtschaftlich verdrängt und ihre Existenzen vernichtet wurden. 

Der Begriff Arisierung fand nie Eingang in Gesetze oder Verordnungen der NationalsozialistInnen. Sie sprachen viel mehr von der "Entjudung" oder der "Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben". 

Ideologische Grundlagen

Bereits seit dem 19.  Jahrhundert bestand ein Feindbild gegen die JüdInnen und deren Einflussnahme in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Es wurde den JüdInnen vorgeworfen, dass sie ihr Vermögen und Wohlstand auf Kosten der nichtjüdischen Bevölkerung erlangt haben. JüdInnen wurde außerdem vorgeworfen, dass sie ihren Erfolg aufgrund von „unehrlichen“ Praktiken erlangt haben. In der nichtjüdischen Bevölkerung verbreitete sich Neid und Konkurrenzdenken. Aus diesem Grund wurde versucht, die JüdInnen und ihre wirtschaftlichen Erfolge zu unterdrücken. Unter der Führung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei wurde das Feindbild gegenüber der JüdInnen und ihrem Erfolg wieder aufgegriffen und in ihrer antisemitischen Politik verstärkt.

Rechtliche Grundlagen

Die NationalsozialistInnen versuchten mit Verordnungen, Gesetzen und Kaufverträgen eine zum Schein legale Grundlage für ihre Bereicherung an dem jüdischen Vermögen zu machen. Die am 14. Juli 1933 verabschiedeten Gesetze, das "Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit" und das "Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens" sowie die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ (1938) dienten als juristische Grundlage für die wirtschaftliche Enteignung vieler JüdInnen. Mit der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze gehörten JüdInnen nicht mehr zur Volksgemeinschaft der Deutschen und hatten damit ihren Anspruch auf Vermögen verloren. Das Vermögen der JüdInnen sollte aus Sicht der NationalsozialistInnen dem „Volkvermögen“ also dem deutschen Volk dienen. 

Heute sprechen wir und die HistorikerInnen bei der Arisierung meist von „Raub“. Es wurde zwar versucht mit vermeintlich legalen Gesetzen eine Enteignung des jüdischen Besitzes zu legitimieren, jedoch bedeutete dies für die JüdInnen, die meist unter Zwang betriebenen Enteignungen, die vollständige Existenzvernichtung.

1.  Phase 1933- 1937

"Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!" oder "Wer vom Juden frißt, stirbt daran". Unter Parolen wie dieser begann am 1. April 1933 um 10 Uhr ein reichsweiter Boykott jüdischer Geschäfte, Kaufhäuser, Unternehmen, Ärzte und Rechtsanwälte. Die Unternehmen und Geschäfte der JüdInnen wurden mit Propaganda-Anklebezetteln an den Schaufenstern und Türen von den NationalsozialistInnen gekennzeichnet. Dadurch wurden die jüdischen Geschäfte und Unternehmen für die deutsche Bevölkerung kenntlich gemacht, damit sie dort nicht mehr einkauften. Deutsche KundInnen jüdischer Geschäfte drohte der Stempel "Wir Verräter kauften bei Juden". Es gab jedoch einen kleinen Teil der deutschen Bevölkerung, welcher sich solidarisch zeigte und trotzdem bei den JüdInnen einkaufte.

Dieser Boykott gehörte zu einer der ersten Diskriminierungen gegenüber JüdInnen nach der Machtergreifung der NationalsozialistInnen. Die JüdInnen wurden öffentlich von der nichtjüdischen Bevölkerung abgesondert. Im Zuge dieses Boykotts wurden viele jüdische UnternehmerInnen gewaltsam verhaftet oder flohen bereits aus Deutschland. Vor allem kleinere und mittlere jüdische Betriebe verloren ihre Existenz durch den Boykott und mussten schließen. 

Die wirtschaftliche Ausgrenzung der JüdInnen setzte sich mit dem Gesetz "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 fort. 

2. Phase 1938 - 1942/43

Die zweite Phase der Arisierung zeichnet sich durch ihre noch schnellere Verdrängung jüdischer UnternehmerInnen aus der Wirtschaft aus. Es wurden vom Staat viele neue gesetzliche Zwangsmaßnahmen gegen die JüdInnen geschaffen. Mit der "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12. November 1938 wurden sehr viele weitere Betriebe der JüdInnen zwangsgeschlossen und den JüdInnen wurde die Ausübung nahezu aller Berufe verboten. JüdInnen, die noch ein wenig Eigentum hatten, mussten dieses zu sehr niedrigen Preisen bei deutschen Stellen eintauschen. 

Doch nicht nur der Staat profitierte von den Enteignungen und Berufsverboten der JüdInnen, sondern auch viele GeschäftsinhaberInnen, Kaufleute und HändlerInnen, ÄrztInnen und AnwältInnen aus kleineren Städten und Dörfern. Sie übernahmen häufig die Unternehmen der JüdInnen. Dennoch gab es unter ihnen auch vereinzelt UnternehmerInnen, welche die JüdInnen fair auszahlten und ihnen damit eine finanzielle Hilfe verschafften. Dies waren meist Menschen, die die Maßnahmen der NationalsozialistInnen nicht für gut befanden.  

Durch die systematischen Deportationen (ab ca. 1941) der JüdInnen ging deren Besitz an das Deutsche Reich über. Die deutschen Behörden versteigerten den jüdischen Besitz an die Deutschen weiter. In manchen Fällen haben die Nachbarn der deportierten JüdInnen deren Besitz erhalten. Aus diesem Grund waren viele Deutsche Profiteure der Arisierung geworden. 

Du stellst dir nun vermutlich die Frage, ob die JüdInnen sich vielleicht nicht untereinander geholfen haben, um sich im Zuge der Arisierung beiseite zu stehen und ihre Handlungsspielräume zu nutzen. Handlungsspielräume beschreiben die Möglichkeiten und Freiheiten, die eine Person hat, um Dinge tun zu können. Es ist also die ganze Zahl an Optionen, die einem zur Verfügung stehen und je mehr Handlungsspielräume eine Person hat, desto größer ist die Freiheit.

 Ja, es gab tatsächlich für die JüdInnen Möglichkeiten, ihre Situation im nationalsozialistischen System zumindest etwas erträglicher zu machen! Man bezeichnet diese auch als jüdische Selbsthilfe. 

Ab 1933 entwickelten sich jüdische Organisationen, die sich dafür einsetzten, dass die Schikanen der NationalsozialistInnen geschwächt und die JüdInnen unterstützt wurden. 

Im Zuge der Arisierung und den Geschäftsboykotts halfen die jüdischen Organisationen den JüdInnen, indem sie für finanzielle Unterstützung sorgten. Es entstand der "Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau", indem sich viele wichtige jüdische Organisationen vereinten. Der Ausschuss leistete vielfältige Hilfe für die JüdInnen, die ihre Existenzgrundlage durch die NationalsozialistInnen verloren. Wirtschaftshilfe, Arbeitsvermittlung und Wohlfahrtspflege bildeten wichtige Tätigkeiten des Ausschusses. 

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges verringerte sich der Handlungsspielraum für die jüdische Selbsthilfe aufgrund der Deportationen der JüdInnen immer mehr.

Glühbirne

Überprüfe dein Wissen!

Damit du noch einmal überprüfen kannst, ob du alles verstanden hast, bearbeite folgende Aufgabe.

Du hast zu Beginn der Station das Video von Sarah Rosenberg gesehen und einen Einblick in ihre Gefühle aufgrund der Arisierung erhalten. Dieselben Gefühle und negative Erfahrungen machten zur Zeit des NS-Regimes zahlreiche JüdInnen im Zuge ihrer Existenzvernichtungen. Du konntest in den obigen Informationstexten ebenso herausfinden, dass den JüdInnen ihre Grundlage zum Leben, wie etwa das Ausüben von Berufen und ihr gesamtes existenzielles Vermögen, durch die Arisierungsmaßnahmen entzogen wurde.

Die NationalsozialistInnen entschieden sich zu den Diskriminierungen gegenüber der JüdInnen, da sie diese als minderwertig ansahen und nicht zum deutschen Volk dazugehörig sahen.  Sie wurden nicht als Menschen, sondern in den Augen der NationalsozialistInnen als "Ungeziefer" behandelt. Aus diesem Grund waren für sie auch die Arisierungsmaßnahmen gerechtfertigt.

Zeichnung einer Dedektivin, welche an einem Schreibtisch lehnt.

Forschungsauftrag III - Aspekt der Menschenwürde

Zwei Sprechblasen

Du hast im Informationstext "Aspekt der Menschenwürde" erfahren, wie menschenverachtend die NationalsozialistInnen bei den Arisierungsmaßnahmen mit den JüdInnen umgegangen sind.  In Folge der Gräueltaten der NationalsozialistInnen wurde die Menschenwürde in unserem Grundgesetzt (GG) verankert. Somit ist es unsere Pflicht, dass wir heute die Rechte und Würde aller Menschen respektieren, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder anderen Merkmalen. 
Daher ist es wichtig sich mit der Menschenwürde im Kontext von Arisierungen auseinanderzusetzen, um ein Bewusstsein für die Werte der Demokratie, Toleranz und Menschenrechte zu schärfen. 

Jeder einzelne von uns, und auch du, trägt die Verantwortung, dass die Taten der NationalsozialistInnen und der Arisierungsmaßnahmen nie wieder stattfinden.  Aus diesem Grund wirst du dich nun im folgenden Forschungsauftrag mit der im GG verankerten Menschenwürde genauer beschäftigen.

  1. Überlege dir, was du unter Menschenwürde verstehst.
  2. Lies dir  Artikel 1 des Grundgesetzes (Art. 1, GG) durch.
  3. Notiere dir, was im Grundgesetz über die Menschenwürde steht. Am besten machst du dir dabei digital Notizen und lädst es in die Cloud.

Wähle dein Niveau aus:

G-Niveau

M/E-Niveau
 

  1. Lies dir den Text "Aspekte der Menschenwürde"  durch.
  2. Notiere dir, was im Text darüber steht, wie die Menschenwürde für die JüdInnen durch die NationalsozialistInnen beeinträchtigt wurde. Am besten machst du dir dabei digital Notizen und lädst es in die Cloud.

Du solltest nun ... 

... die wichtigsten Fakten zur Arisierung bzw. Enteignung durch die Nationalsozialisten nennen können. 

... wiedergeben können, was im Grundgesetz zur Menschenwürde  geschrieben steht. 

... nennen können, wie die Menschenwürde für die JüdInnen durch die NationalsozialistInnen eingeschränkt wurde. 

Grüner Haken

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